1.2 Das besondere Profil als Mädchengymnasium
Mädchenschulkonzeption
Die Marienschule ist seit ihrer Gründung ein Mädchengymnasium. Sie möchte in ihrer Bildungs- und Erziehungsarbeit die besondere Situation von Mädchen verstärkt ins Bewusstsein bringen und deren Belange, Interessen und Perspektiven nachhaltig stärken. So wird die pädagogische Arbeit noch gezielter mädchenförderlich ausgerichtet, und bislang ungenutzte Emanzipationsspielräume werden wahrgenommen.
Vom Bildungsauftrag her richtet sich das Mädchengymnasium selbstverständlich nach den geltenden, in den Richtlinien fixierten Leistungsstandards mit dem Ziel einer wissenschaftspropädeutischen Ausbildung vor allem in der Oberstufe.
Dem Erziehungsauftrag der Schule entsprechend sollen die Mädchen zu Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung geführt werden.
In diesem Kontext setzt die Marienschule ihre besonderen Akzente. Sie möchte ihren Schülerinnen Kenntnisse und Erfahrungen und somit ein wohlfundiertes weibliches Selbstbewusstsein vermitteln. Nicht Ellenbogenmentalität, wohl aber eine weibliche Identität soll erreicht werden, die falsche Bescheidenheit, Minderwertigkeitsgefühle oder das Bewusstsein, nur ein "relatives" Wesen (de Beauvoir, 1949) zu sein, ausschließt. Mädchen sollten zu vielfältigen Lebensplanungen ermutigt und befähigt werden.
Fächerbezug der Mädchenschulkonzeption
Bei der Wahl der Unterrichtsinhalte werden an der Marienschule mädchenspezifische Akzente gesetzt. Als Mädchengymnasium möchten wir unseren Schülerinnen zeigen, welche erstrangigen fachlichen und gesellschaftlichen Kompetenzen erworben werden können, um so die Selbstachtung der Mädchen zu steigern und vorhandene Stärken hervorzuheben.
Bewusst kommen Frauen als Autorinnen, Forscherinnen, Politikerinnen, Philosophinnen etc. zu Wort, und fachliche Aspekte können verstärkt aus weiblicher Perspektive dargestellt werden. Die Situation von Frauen in der Epoche der industriellen Revolution oder während der Weltkriege und die Rolle der Frau in der Regional- und Stadtgeschichte wären dann in Geschichte zum Beispiel Unterrichtsgegenstand.
Die hohe Sprach- und Sprechfähigkeit bei Mädchen, wie sie die Ergebnisse der Gehirnforschung nahe legen, kann im Deutschunterricht und beim Erlernen der Fremdsprachen genutzt werden. Nicht umsonst ist das besondere Sprachprofil der Marienschule ein Reflex darauf. Die lebenspraktische Orientierung in den Fremdsprachen kommt den Neigungen der Mädchen ohnedies entgegen, und verbale Stärke, wie sie im Deutschunterricht vermittelt wird, kann auch ein Vorzug bei der Konfliktlösung sein.
Da junge Mädchen im Allgemeinen in der Entwicklung, in Reife und Problemlösungsbewusstsein voraus sind, kann in Fächern wie Deutsch, Pädagogik oder Religion der Radius der Themenwahl und die Intensität der Besprechung einzelner Aspekte größer sein. Sprachlich und gedanklich anspruchsvolle Texte sind dann keine Überforderung.
Auch in vermeintlich "männlichen" Fachsparten ist eine weibliche Akzentsetzung möglich. Im Sportunterricht z.B. spielen Mädchen gern Flag Football oder Softball, betreiben Gymnastik oder Jazz-Dance.
Mädchen sind offen für einen interdisziplinären Zugang zur Welt. Das schulische Angebot trägt dieser Einsicht Rechnung. Die Kombination von Informatik und anderen Fächern im Differenzierungsbereich der Jahrgangsstufen 9 /10 ist ein Beispiel.
Gerade in künstlerisch orientierten Fächern und Arbeitsgemeinschaften in den Bereichen Musik, Tanz, Theater oder Photographie leisten Mädchen genuine Beiträge.
Als Wochenendveranstaltung wird seit ca. 1990 an der Marienschule "Selbstverteidigung und Selbstbehauptung" für Mädchen angeboten. Dabei geht es weniger um Kampfsport als um die Bewusstmachung weiblicher Stärken allgemein. Eine Ergänzung dazu ist die praktische Einführung in die Rhetorik, wie sie z.B. auf SV-Fahrten vermittelt wird. Gerade auch in der SV-Arbeit können die Mädchen an eine gesellschaftsrelevante, politisch gestaltende Rolle herangeführt werden.
Pädagogisch gezielt konzipierte Praktika können den Blick auf nicht rollentypische Berufe erweitern und den Mädchen einen breiteren Zugang zu unterschiedlichen Berufen ermöglichen.
Anmerkungen zu Didaktik und Methodik am Mädchengymnasium
An der Mädchenschule werden pädagogische Energien weniger stark gebunden als an koedukativen Systemen, wo Jungen fast zwei Drittel des Unterrichts dominieren. Die Monoedukation bietet für den Unterricht günstige Rahmenbedingungen. Die vorschnelle Anpassung der Mädchen an weibliche Rollenvorstellungen ist nicht nötig, um die Mitschülerin als potentielle Konkurrentin auszuschalten. Mädchen werden hier auch nicht nur als "atmosphärebildende Elemente" in den Lerngruppen benutzt. Vielmehr kann an einer Mädchenschule eine größere Rollenoffenheit trainiert werden.
Empirische Untersuchungen zum Studien- und Wahlverhalten von Studentinnen, die Absolventinnen von Mädchenschulen sind, belegen, dass diese jungen Frauen spontanes Selbstbewusstsein zeigen und sich auffallend häufig für eine frauen-untypische Karriere entscheiden.
Pädagogischen Untersuchungen ist zu entnehmen, dass sich bei Mädchen eine Präferenz für bestimmte Arten der unterrichtlichen Inhaltsvermittlung herauskristallisiert. Mädchen wünschen oft die Konkretisierung des Abstrakten, favorisieren einen ganzheitlichen Zugang und suchen die Einfügung von Einzelaspekten in das Lebensganze. Sie möchten die soziale Relevanz eines bestimmten Themas erkennen können, z.B. die Bezüge zwischen Mathematik und Architektur, zwischen Physik und Lebenspraxis. Im Biologie-Unterricht sollte es daher um eine ganzheitliche Naturerfahrung, um Austausch und Pflege und um langfristige Verantwortlichkeit gehen.
Außerdem möchten Mädchen auch persönlich und emotional angesprochen werden. Das heißt aber nicht, dass Abstriche von der sachgerechten inhaltlichen Darstellung gemacht werden. Mädchen müssen praxis- und kontextbezogen an neue Techniken und Technologien herangeführt werden, damit ihre Chancengleichheit verbessert wird. Der modernen Forderung nach teambezogenen Sozialformen im Unterricht kommt entgegen, dass Mädchen gern in Gruppen arbeiten und kommunikationsorientiert sind.
Natürlich ist eine Mädchenschule nicht frei von Spannungen und Konflikten. Sie darf deshalb nicht überbehütend sein oder Konflikte ignorieren. Die Marienschule ist nicht Schonraum, sondern ein günstiger Entwicklungsraum für Mädchen.
(Nähere Informationen in "Mädchenschule - Anmerkungen und Richtlinien unter dem Aspekt Mädchenschule" von R. Liemke)